Immer wieder berichten mir Eltern in meiner Praxis von Erfahrungen, die zeigen, wie belastend der Alltag für Kinder mit ADHS oder ADS und ihre Angehörigen sein kann.
Nicht, weil diese Familien schwach wären. Nicht, weil sie „übertreiben“, sondern weil sie seit Jahren tagtäglich an ihre Grenzen gehen.
Sie stemmen sich gegen Vorurteile. Gegen Druck. Gegen Vergleiche. Und gegen Sätze wie:
„Wenn sie es wirklich wollte, dann könnte sie das.“
„Der muss sich halt zusammenreißen.“
„Wenn er sich bemüht, dann kann er es.“
„Sie muss sich einfach nur konzentrieren.“
„Wenn er will, schafft er die Hausübung in 30 Minuten.“
Und irgendwann sitzen die Eltern dann bei mir – müde, leer, manchmal mit Tränen in den Augen – und sie erzählen mir: „Wir haben so viel probiert… und trotzdem wird es nicht besser.“
Und ganz ehrlich?
In solchen Momenten möchte ich sie am liebsten fest drücken und sagen:
„Ihr seid nicht falsch. Euer Kind ist nicht falsch. Und es wird irgendwann leichter.“
Aber die Wahrheit ist: Mitten in der Schulzeit ist es oft alles andere als leicht.
Und in vielen Familien wird es in den nächsten Jahren erstmal nicht automatisch besser.
Denn genau während der Schulzeit entstehen die tiefsten Wunden:
• Misserfolge trotz Bemühen
• Druck durch Noten
• ständiges Vergleichen
• soziale Rückzüge
• Konflikte zuhause
• Selbstzweifel („Ich bin dumm“)
• Überforderung der Eltern („Ich kann nicht mehr“)
• Burnout bei Mutter/Vater
• Schulverweigerung
• Angst vor Prüfungen
• permanente innere Anspannung
Und deshalb ist es mir so wichtig, dass wir über ADHS und ADS nicht nur „fachlich“ reden – sondern menschlich. Mit Herz. Mit Verständnis. Und mit praktischen Lösungen für den Alltag.
ADHS und ADS – was ist der Unterschied?
Viele werfen beides in einen Topf. Doch so einfach ist es nicht.
ADHS (hyperaktiv + impulsiv)
Bei Kindern mit ADHS ist das, was innerlich passiert, häufig auch außen sichtbar. Ihre Gedanken, Impulse und Gefühle drängen oft gleichzeitig nach vorne – und zeigen sich im Verhalten, im Lernen und im Miteinander.
Typische Anzeichen können sein:
- die Konzentration ist wechselhaft (leicht ablenkbar)
- beginnt Aufgaben, kann sie jedoch schwer zu Ende führen
- verliert rasch den roten Faden
- das Kind wirkt manchmal, als würde es nicht zuhören
- starkes Bewegungsbedürfnis
- redet dazwischen oder fällt anderen ins Wort
- platzt mit Antworten heraus, bevor Fragen zu Ende gestellt werden
- unruhige Hände und Füße, ständiges Zappeln
- wenig Geduld, besonders beim Warten
- Konflikte entstehen häufig durch impulsives Handeln
- starke Gefühlsreaktionen: schnelle Wut, oft gefolgt von schneller Reue
- Schwierigkeiten, bei einer Sache zu bleiben oder durchzuhalten
- springt gedanklich von einem Thema zum nächsten
ℹ️ Wichtig: ADHS-Kinder hören oft 100-mal am Tag: „Hör auf! Lass das! Sitz still!“ Das Problem: Sie können ihr Verhalten häufig nicht dauerhaft regulieren.
ADS (ohne Hyperaktivität – das stille ADHS)
ADS wird viel öfter übersehen – besonders bei Mädchen.
Denn diese Kinder stören nicht. Sie fallen nicht auf. Sie leiden leise.
Typische Auffälligkeiten bei ADS:
- verträumt, „wie in einer Wolke“
- langsam beim Arbeiten
- braucht ewig für Aufgaben
- startet schwer
- lässt sich innerlich schnell ablenken
- wirkt oft „müde“ oder „leer“
- kann Wissen nicht abrufen, obwohl sie gelernt hat
- vergisst Dinge, obwohl sie motiviert ist
- schaut lange aufs Blatt und kommt nicht ins Tun
- perfektionistisch, überfordert, blockiert
- extrem empfindsam (Emotionen, Kritik, Ablehnung)
Und das Tragische ist:
Diese Kinder hören nicht: „Du bist zu wild“, sondern:
„Warum bist du so langsam?“
„Du strengst dich nicht genug an.“
„Du musst endlich anfangen.“
„Andere schaffen das doch auch.“
Und damit wird ein ADS-Kind nicht motiviert, sondern immer kleiner gemacht.
Praxis-Beispiel: Marie (16) – motiviert, empathisch, ausdauernd… und trotzdem ständig am Limit
Marie ist 16. Ein Mädchen, das man sofort gern hat: empathisch, höflich, sensibel.
Sie will alles richtig machen – und sie ist unglaublich motiviert.
Ihre Eltern unterstützen sie seit Jahren:
- sie lernen mit ihr
- sie erklären geduldig
- sie organisieren Nachhilfe
- sie sprechen mit Lehrer:innen
- sie motivieren, bauen auf, halten durch
Und trotzdem erzählen sie mir:
„Seit der Volksschule braucht sie doppelt so lange wie andere.“
„Sie lernt, aber bei einer Schularbeit ist das Wissen wie gelöscht.“
„Sie ist nie faul, sie gibt nie auf… aber sie kommt nicht nach.“
Und das ist der Punkt, an dem viele Eltern verzweifeln.
Denn Marie ist nicht „unwillig“. Sie ist nicht „faul“.
Sie hat auch keine schlechte Einstellung.
Sie hat bloß ein Gehirn, das anders arbeitet.
Marie selbst beschreibt es so:
„Ich brauche länger, bis ich weiß, was ich überhaupt machen soll.“
„Ich kann es nicht abrufen.“
„Wenn ich unter Druck bin, ist alles weg.“
„Dann fühle ich mich wie die dümmste Person.“
Und genau solche Sätze berühren mich in der Praxis jedes Mal sehr – weil dahinter so viel Druck und Selbstzweifel stecken.
Und dann kam der Wendepunkt: Diagnostik & medizinische Abklärung
Ich empfahl eine weiterführende medizinische Einschätzung und eine begleitete therapeutische Austestung. Nach einer sorgfältigen Diagnostik durch einen Facharzt folgte eine individuell abgestimmte medikamentöse Unterstützung.
Und plötzlich zeigten sich deutliche Veränderungen:
✅ die Konzentrationsspanne verbesserte sich
✅ das innere Chaos wurde weniger
✅ mehr Fokus beim Lernen
✅ weniger Selbstzweifel
✅ mehr Erfolgserlebnisse
Zusätzlich erhielt Marie von mir individuell angepasste Lerntipps, und wir treffen uns alle 14 Tage online, um weitere Lernstrategien zu erarbeiten und ihre mentale Stärke zu fördern.
Weißt du, was das größte Geschenk für mich war?
Nicht die bessere Note.
Sondern dieser Satz: „Ich kann mich konzentrieren und ich fühle mich richtig gut.“
Warum es diese Kinder so schwer haben – obwohl sie so viel geben
Viele Menschen verstehen nicht, was bei ADHS/ADS körperlich wirklich passiert.
Es geht nicht darum, dass das Kind „nicht will“. Es geht darum, dass sein Gehirn Probleme hat, mit:
- Reizfilterung (alles kommt gleichzeitig rein)
- Arbeitsgedächtnis (Information kurz speichern, bearbeiten, abrufen)
- Impulskontrolle
- Starten von Aufgaben
- Dranbleiben
- Zeitgefühl
- Handlungsplanung
- Emotionsregulation
Das heißt:
Ein Kind kann motiviert sein und TROTZDEM scheitern.
Ein Kind kann gelernt haben und TROTZDEM nichts abrufen.
Ein Kind kann wollen und TROTZDEM nicht ins Tun kommen.
Was Eltern oft schon alles probiert haben (und warum es trotzdem nicht reicht)
Viele Familien berichten mir genau das:
„Wir haben schon hunderte Gespräche geführt.“
„Wir waren bei der Nachhilfe.“
„Wir haben Belohnungssysteme ausprobiert.“
„Wir haben geschimpft, geweint, gebettelt.“
„Wir haben Therapien gemacht.“
„Wir haben alternative Methoden getestet.“
„Wir haben alles umgestellt.“
„Wir sind einfach müde!“
Und ich glaube ihnen jedes Wort.
Denn ADHS/ADS ist nicht nur ein „Schulthema“. Es wird ein Familienthema.
Und irgendwann geht es nicht mehr um Mathe, sondern um:
- einen friedlichen Familienalltag
- Beziehung statt Dauerstress
- einen gesunden Selbstwert
- Hoffnung und Perspektive
Konkrete Schritte im Alltag, die nichts kosten – außer Zeit & Verständnis
🌿 Klar & sachlich
Und jetzt kommt der Teil, der Eltern Mut macht.
Denn ja: Man kann sehr viel tun.
Nicht alles auf einmal. Nicht perfekt.
Aber Schritt für Schritt – und nachhaltig.
1. Lernen: Weniger – dafür regelmäßig
AD(H)S Gehirne ticken anders. Sie sind keine Marathonläufer, sondern eher Sprinter.
Kurze, überschaubare Einheiten wirken oft besser als lange Lerneinheiten.
Lieber täglich 3 Sätze als 30 Sätze am Stück.
Lieber täglich 5 Vokabeln als 50 an einem Nachmittag.
Damit Lernen gelingt, braucht das Gehirn vor allem:
• Wiederholung
• Sicherheit
• kleine Portionen
• klare Struktur
• Erfolgserlebnisse
2. Lernen in Portionen: 25 Minuten Fokus – 5 Minuten Pause
Die klassische Empfehlung ist:
✅ 25 Minuten lernen
✅ 5 Minuten Pause
Aber, das ist keine starre Vorgabe.
Du darfst – und sollst – die Portionen an dein Kind anpassen.
Manche Kinder starten besser mit:
- 10 Minuten Lernen / 1 Minute Pause
- 15 Minuten Lernen / 2 Minuten Pause
- 20 Minuten Lernen / 3 Minuten Pause
ℹ️ Wichtig: Pausen sind kein Extra und kein Belohnungssystem. Sie sind ein fester Teil der Leistung – und machen Lernen überhaupt erst möglich.
3. Medienzeit bewusst begrenzen
Das ist einer der größten Gamechanger.
ADHS- und ADS-Gehirne suchen ständig nach Dopamin.
Social Media und Gaming liefern es sofort – Lernen dagegen braucht Zeit.
Kein Wunder, dass sich Anstrengung dann unfair anfühlt.
„Warum soll ich mich 30 Minuten quälen, wenn ich 3 Sekunden Spaß haben kann?“
Klare Medienzeiten sind deshalb keine Strafe, sondern Schutz fürs Nervensystem. Und für die Fähigkeit, überhaupt wieder lernen zu können.
4. Bewegung als „Therapie fürs Gehirn“
Bewegung wirkt wie ein natürlicher Regler:
- Sie senkt Stresshormone.
- Sie verbessert die Konzentration.
- Sie stabilisiert Emotionen.
- Sie stärkt den Schlaf.
- Sie verbessert die Impulskontrolle.
20 Minuten gehen kann mehr bringen als 2 Stunden Leistungsdruck.
5. Ernährung: die Zuckerfalle
Viele Eltern beobachten im Alltag diese Zusammenhänge:
- Zuckerkonsum → Unruhe
- Zuckerkonsum → Energietief („Crash“)
- Zuckerkonsum → Stimmung kippt leichter
- Zuckerkonsum → Konzentration bricht weg
Das bedeutet nicht, dass ein Kind nie Zucker essen darf.
Aber ein bewussterer Umgang – besonders vor Schule und Lernzeiten, kann hier spürbar entlasten.
6. Nahrungsergänzungsmittel: behutsam einsetzen und sich begleiten lassen
Manche Familien erleben spürbare Unterstützung durch:
- Omega-3-Fettsäuren
- B-Vitamine
- Magnesium (bei Nervosität / Spannung)
ℹ️ Wichtig: Bitte dabei immer medizinisch begleiten lassen (Arzt/Ärztin), besonders, wenn bereits Medikamente eingenommen werden.
7. Konzentration & Frustrationstoleranz spielerisch stärken
Lernen darf auch leicht sein.
Spiele sind dafür ein wunderbarer Weg – ganz ohne Leistungsdruck.
Besonders geeignet sind zum Beispiel:
- Memory, Uno, Jenga
- Schach (wenn es gut passt)
- Puzzle und Brettspiele mit klaren Regeln
Ganz nebenbei werden dabei wichtige Fähigkeiten trainiert:
✅ Konzentration und Fokus
✅ Regeln einhalten
✅ Frustration aushalten und Verlieren lernen
✅ Impulskontrolle
Und das Beste:
All das passiert ohne Streit, ohne Druck – und ohne Hausaufgaben.
8. Wenn ein Arbeitsblatt/ eine Buchseite zu viel ist: Abdecken!
Manchmal ist nicht die Aufgabe das Problem, sondern die Menge auf einmal.
Ein super Alltagstrick:
Arbeitsblätter oder Buchseiten schrittweise abdecken.
Nur eine Aufgabe bleibt sichtbar.
Das reduziert:
• Reizüberflutung
• Stress
• Blockade
9. Grenzen setzen – Beziehung schützen
Schule darf eure Bindung nicht zerstören. Wenn Eltern nur noch „Lernpolizisten“ sind, leidet die Beziehung.
Darum ist es so wichtig, ehrlich zu fragen:
- Wie viel schafft mein Kind wirklich?
- Was ist zumutbar?
- Was bringt noch Fortschritt – und was zerstört nur Vertrauen?
Denn am Ende geht es nicht nur um Noten.
Es geht um ein Kind, das sich selbst nicht aufgibt. 💛
10. Ein Mindshift für Eltern, der sofort entlastet
„Mein Kind will nicht“ stimmt selten.
Stattdessen sollte es öfters heißen: „Mein Kind kann gerade nicht.“
Der entscheidende Gedanke dahinter:
Wenn mein Kind könnte, dann würde es.
Mein Kind will mich nicht ärgern, sondern es ist überfordert.
Dieser Perspektivenwechsel nimmt Druck raus und entschärft Konflikte sofort. 💛
Externe Unterstützung & sinnvolle Alternativen
Neben klassischer Nachhilfe sowie Konzentrations-, Legasthenie- oder Dyskalkulie-Training gibt es weitere Unterstützungswege, die für viele Kinder eine wertvolle Ergänzung sein können.
In meiner Praxis kombiniere ich Reflexintegration, Entspannungsübungen und mentales Training. Nähere Informationen zu diesem Programm findest du hier:
Darüber hinaus empfehle ich:
- regelmäßige Bewegung und Sport
- Ergotherapie
- fachärztliche Begleitung, etwa zur Diagnostik oder medikamentösen Unterstützung
ℹ️ Wichtig ist dabei immer:
Nicht alles auf einmal, sondern das, was zum Kind und zur Familie passt.
Es wird anders – aber es braucht Geduld, Verständnis und echte Lösungen
ADHS oder ADS ist keine Ausrede.
Es ist auch kein Stempel.
Es ist eine Erklärung und für viele Familien endlich eine Tür zur Lösung.
Und ich möchte, dass jede Mama und jeder Papa, der gerade kämpft, das hört:
❤️ Du bist nicht allein.
❤️ Dein Kind ist nicht faul.
❤️ Es ist nicht kaputt.
❤️ Es braucht nur einen anderen Weg.
Und ja….
In ein paar Jahren sieht die Welt oft wirklich anders aus.
Aber bis dahin braucht es Lösungen, die durch die Schulzeit führen, ohne dass Familien daran zerbrechen. Mit Verständnis. Mit Geduld. Und mit echter Unterstützung.
Wenn du merkst, dass ihr euch gerade festgefahren habt:
Hol dir Hilfe. Informier dich. Geh den nächsten kleinen Schritt.
Ihr müsst diesen Weg nicht allein gehen. Wenn du möchtest, begleite ich euch gerne ein Stück.









